Faktencheck (Berufs-)Orientierung: Wo fange ich an? Wo höre ich auf?

Meine Orientierung nach dem Abitur hat mich ein ganzes Stückchen Zeit gekostet. Ich war auf Messen habe Workshops und Praktika gemacht, Leute um Rat gefragt und natürlich ganz oft im Internet gesurft. Das war manchmal ganz schön verwirrend, weil es eben so viele Angebote gibt. Die werden wir hier wahrscheinlich gar nicht alle abdecken können, und wer selbst mal schaut, findet auch wieder viele neue Seiten und Veranstaltungen. Aber ich kann einen kleinen Orientierungsansatz liefern und ein paar Sachen empfehlen, die bei mir gut funktioniert haben. Denn schließlich habe ich es dann irgendwie ins Studium geschafft und jetzt stehe ich vor meinem Bachelor und damit wieder vor der Frage: Wie geht es weiter?

Was ich heute anders machen würde? Nichts! Denn es gibt nicht nur den einen Weg.

Erster Schritt: Wo fange ich an?
Eine konkrete Frage formulieren

Als ich in meine Orientierung gestartet bin, dachte ich immer, ich müsste mich erstmal entscheiden, ob ich Studieren oder eine Ausbildung machen will, und dann ob ich an einer Universität oder Fachhochschule studieren will. Und am allerbesten wüsste ich auch schon genau, welchen Beruf ich dann mache, dafür habe ich schließlich genug Schulpraktika und Referate durchgemacht.

Egal, welchen Schulabschluss man gemacht hat, ich würde empfehlen, erst einmal mehr über sich selbst, seine Interessen und Fähigkeiten zu erfahren. Das Ziel kann es dabei sein, dass man einen Beruf findet, den man machen will und seinen Lebensweg danach ausrichtet. Genauso gut kann das Ziel aber auch sehr vage bleiben und man folgt erstmal seinem ersten Impuls, macht das, wofür man jetzt gerade brennt. Wichtig war für mich dabei vor allem eins: offen zu sein. Ich habe mich nicht festgelegt, ob Ausbildung, Hochschule oder was eigentlich, sondern habe nur geschaut, was mich interessiert. Das war meine konkrete Frage: Welcher nächste Schritt in meinem Bildungsweg passt am besten zu meinen Interessen?

Wann fange ich eigentlich an?

Die meisten Schulen versuchen ihre Schüler mal mehr mal weniger erfolgreich auf den Weg in die Orientierung zu bringen. Wir haben zum Beispiel in der zehnten Klasse das Berufsinformationszentrum der Bundesagentur für Arbeit besucht und einen lustigen Selbsttest gemacht. Mir wurde dann empfohlen, dass PflegeassistentIn oder TechnikerIn ganz gut zu meinen Fähigkeiten passen, zu meinen Interessen leider weniger. Mit ein paar Flyern in der Tasche stand für mich danach erst recht fest: „Was soll das eigentlich, ich hab‘ keinen Bock, ich mach Abi!“ Verdrängung erstmal geglückt.

Irgendwann kam dann noch eine Beraterin von der Arbeitsagentur extra zu uns in die Schule, hat uns einen Vortrag gehalten und danach persönliche Beratungsstunden angeboten – mit wenig Zulauf. Schließlich hatte ich das Glück, dass die Abiturklausuren in NRW meist im Mai schon durch sind und ich meinen Eltern ankündigte, ich würde erstmal ein paar Praktika machen, bevor ich studieren gehe. So gewann ich etwas Zeit für die Orientierung, mit der ich dann aber erst richtig loslegte, als das erste Praktikum, das ich von September (ja, drei Monate haben meine Eltern gebangt, ich könnte nichts aus meinem Leben machen) bis Dezember in meinem Abijahr machte, fertig war. Es folgte ein weiteres Praktikum und im März des Folgejahres war ich auch schon im Studium.

Bei meinem Bruder, der gerade seine Ausbildung zum Elektroniker abgeschlossen hat, hat es ebenfalls etwas gedauert, bis er sich wirklich intensiv mit seiner Berufsorientierung beschäftigt hat. Er hatte seinen Abschluss schon so gut in der Tasche, als er mit dem Bewerbungen Schreiben anfing und war kurz davor die sogenannten Berufsbildenden Maßnahmen anzutreten. Er hat dann seinen Ausbildungsplatz wirklich auf den letzten Drücker bekommen und der war auch nicht seine erste Wahl.

Wenn man also eine Ausbildung machen will, muss man schon mindestens ein halbes Jahr vor Ausbildungsbeginn (meist August/September) anfangen Bewerbungen zu schreiben (also im Februar/März) und entsprechend noch früher mit der Orientierung. Das ist schon der meiste Vorlauf, weil man nur einmal im Jahr starten kann. Manchmal kann man auch mit der Arbeit etwas früher in Form eines Praktikums anfangen, wenn man den Absprung vorher irgendwo verpasst hat. Wenn man aber noch unter 18 Jahre alt ist, ist man berufsschulpflichtig und muss ggf. die oben genannten Berufsbildenden Maßnahmen absolvieren. Ähnlich ist es bei dualen Studiengängen, da man hier ebenfalls einen Ausbildungsplatz in einem Betrieb braucht.

Bei allen anderen Möglichkeiten, die man so hat, also Studium, Praktika, Ausland, Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) etc., kommt es super stark darauf an, was man machen will und wie viel Glück man hat. Zum einen kann es sein, dass ein sehr umfangreiches Bewerbungsverfahren viel Zeit in Anspruch nimmt und man sich schon ein Jahr vor Studienbeginn bewerben muss, oder man hat Glück und rutscht ein paar Wochen vorher noch in ein FSJ hinein. Hier gilt es, gut informiert zu sein oder sehr flexibel.

Wie und wo soll ich denn jetzt anfangen?

Anfangen kann man da z.B. mit Messen. In den meisten Städten werden regelmäßig Berufsorientierungsmessen veranstaltet, auf denen man sich mal mehr mal weniger informiert fühlt und ganz viele coole Flyer und Goodies mitnehmen kann. Die Ergründung der eigenen Interessen läuft natürlich immer schön weiter nebenher. Wer sich in die Weiten des Internets stürzen will, kann natürlich auch da einfach erstmal drauf los googlen. Ansonsten liegen in Schulen auch immer wieder Magazine und Flyer aus, die sich mit der Zukunftsorientierung beschäftigen und in die man z.B. in einer Freistunde gut mal reinschauen kann.

Online-Tests gehen auch immer
  • Was-studiere-ich.de Bietet sowohl Interessens- als auch Fähigkeitentests zur Erkundung von Berufsbildern und entsprechender Studienwahl.
  • Borakel Beinhaltet eine ausführliche Abfrage zu Motivation, Leistungsfähigkeit, Arbeitsstil im Job und eine kürzere Selbsteinschätzung zum Studium.
  • Eignungstest Berufswahl Liefert eine Selbsteinschätzung zu den eigenen Fähigkeiten und einen Fähigkeitentest, ist aber leider nicht kostenlos.
  • Berufsprofiling Bezieht kognitive Fähigkeiten, Persönlichkeit, Interessen, Biografie mit ein und richtet sich an alle Schulabgänger.
  • Explorix Bezieht das Interesse in Tätigkeiten, Fähigkeiten, Berufsinteresse, allgemeine Fähigkeiten und den aktuellen Stand der Berufswahl mit ein, ist aber leider nicht kostenlos.
  • Hochschulkompass Gewichtet 6 unterschiedliche Interessensgebiete.
  • Check-U Richtet sich an alle Schulabgänger.
  • Re/Search Ist ein Persönlichkeitstest, der passende Studiengänge in Sachsen-Anhalt entsprechend den Ausprägungen der Big Five vorschlägt.

Bei den Tests geht es oft um Selbsteinschätzung und selbst wenn er ein ungewolltes Ergebnis liefert, bringt er einen doch wenigstens dazu, dass man eigene Motivationen und Interessen hinterfragt. Andererseits kann es auch sein, dass einem der Beruf nicht gefällt, aber das Studium. Aus diesem können sich dann wieder neue Wege und Interessen ergeben.

Meist bestätigt der Test, die Ideen, die man selbst schon hatte und konkretisiert ggf. Wenn man also schon eine Idee hat, kann er vielleicht keine neuen Erkenntnisse bringen. Dann sollte man auf jeden Fall andere um Rat fragen.

Beratung

Ich persönlich habe sehr gute Erfahrungen mit der Studienberatung der Bundesagentur für Arbeit gemacht. Dazu gehörte allerdings viel Glück und einiges an Durchhaltevermögen. Die Beraterin hatte ihre Stelle gerade neu angetreten und war daher sehr motiviert in ihrem Job, sodass sie mir schließlich den Studiengang vermittelte, den ich jetzt immernoch mache. Vorher war ich allerdings schon mit sehr wenig zufriedenstellendem Ergebnis von ihrem Vorgänger beraten worden und hatte (ebenfalls bei der Agentur) einen Workshop dazu gemacht, wie man Studienorientierung eigentlich angeht – und nur Sachen erfahren, die ich schon wusste.

Am Ende des Tages gibt es ohnehin nicht den einen Beruf, das eine Studium, den einen Lebensweg, der genau der richtige ist. Viele Wege führen zum Ziel und kein Beruf ist ganz genau der richtige, den man zu 100% ausfüllen kann und muss. Der große Vorteil, den man hat, wenn man es zulässt unentschlossen zu sein, ist, dass einem alle Möglichkeiten offenstehen und man einfach alles einmal ausprobieren kann. Dadurch lernt man viel über sich selbst und seine Wünsche und Talente. Dabei ist es wichtig, den richtigen Weg für sich zu finden, egal wie lang der auch sein mag.

Weitere Tipps und Tricks (Für die Spezies)
Visualisierung

Um in der Flut an Informationen nicht unterzugehen, kann ein bisschen Visualisierung nie schaden – vorausgesetzt man ist der Typ dafür. Ob Ordner, Mindmap oder Moodboard, online wie offline sind einem keine Grenzen gesetzt. Was zu unwichtig ist, fliegt früher oder später einfach raus und für Infos, die man nach langem irgendwie zufällig mal wiederentdeckt gilt das gleiche. Wichtig ist nur, dass es für die eigenen Denkstrukturen übersichtlich bleibt und man sich auf das Wesentliche konzentrieren kann.

Uni-Rankings

Uni-Rankings gibt es im Internet reichlich. Bewertet wird z.B. von Studierenden selbst, anhand unterschiedlichster Kriterien international oder auch die beste Mensa Deutschlands.

Diese sind entweder allgemein gehalten oder teilweise auch nach Studiengängen ausgewertet. Ich persönlich konnte damit nie viel anfangen, weil ich denke, es kommt auch stark darauf an, was man selbst aus seinem Studium macht und wenn man sich im besten Fall die Hochschule einmal angeschaut hat und sich dort wohl fühlt, sind die Meinungen der anderen vielleicht gar nicht so ausschlaggebend für die eigene Entscheidung. Einfach mal reinschauen schadet aber sicher nicht!

Anmerkungen der Autorin
Nachfragen und Reflektieren

Manchmal können uns unsere Eltern ganz schön in den Wahnsinn treiben. „Mach doch dieses, oder jenes. Hauptsache du machst was.“ „Bist du sicher, dass du ein Jahr Pause machen willst? Das kommt sicher nicht gut im Lebenslauf.“ „Als ich in deinem Alter war…“ usw. Eins ist wohl sicher: Unsere Eltern kommen irgendwann an einen Punkt, an dem sie uns nicht mehr helfen können, es aber trotzdem noch versuchen. Denn irgendwie wollen sie doch das Beste für uns und tun aus ihrer Sicht ihr Bestes, um uns dahin zu bringen, wo wir aus ihrer Sicht hinsollten. Immerhin haben sie uns um die 18 Jahre (+- 2) durch unser Leben begleitet und dann zu verstehen, dass wir unsere eigenen Entscheidungen treffen müssen und wollen, scheint wohl echt schwer zu sein.

Andersherum ging es mir aber ähnlich. Nicht mehr einfach das zu tun, was andere einem sagen (denn Mama und Papa hatten ja sonst auch immer Recht), muss man auch erst einmal lernen. Am Ende kennt man sich selbst immernoch am besten und kann sagen, was man will und was nicht. Auch man selbst muss herausfinden, wann man sich irrt und darf trotzdem hinter diesen Entscheidungen stehen.

Bei meinen Recherchen bin ich auf die steile These gestoßen, dass Erwachsene nicht mehr die Zeit haben, um ihre Lebensträume noch zu verwirklichen. Mit 50/60 Jahren hast du es eben geschafft oder nicht. Aber das sollte nicht das Problem der nächsten Generation sein, also die Erwartungen der Eltern zu erfüllen. Was man aber auch nicht vergessen darf: Eltern wissen im besten Fall schon einiges über ihre Kinder, weil sie lange Zeit hatten, sie zu beobachten und einzuschätzen. Ich denke, wichtige Entscheidungen sollte man nicht isoliert von den Eindrücken anderer treffen, sie können einem wichtige Denkanstöße und Reflexionen des eigenen Charakters liefern. Man kann die eigenen Eltern also gut als Berater sehen, auch wenn man vielleicht im ersten Moment nicht denkt, dass es stimmt, was sie einem raten.

P.S. Diese Rolle muss nicht zwingend von den Eltern eingenommen werden. Genauso gut, können andere Verwandte, langjährige Freunde oder sogar Fremde einen besser kennen und einschätzen als die eigenen Eltern.

Und dann fängt das Ganze schon wieder von vorne an

Wie anfangs schon erwähnt, stehe ich jetzt ein Jahr vor meinem Bachelor und bin dadurch schon wieder dabei, mich zu orientieren und zu fragen, wie es denn danach eigentlich weitergehen soll. Im ersten Moment war ich schon wieder ganz verwirrt und dachte: Muss ich den ganzen Kram jetzt nochmal durchmachen? Die Antwort ist ein halbes Ja und ein halbes Nein. Die Studienberaterin meines Vertrauens von der Bundesagentur für Arbeit hat mich ein bisschen aufgeweckt: Recherche muss immer sein. Und wenn man dann noch ein Masterstudium anstrebt, kommen ggf. einige Telefonate hinzu, wenn man herausfinden will, ob man sich auf das Studium überhaupt bewerben kann mit seiner Qualifikation. Hinzu kommen neue Möglichkeiten: Gehe ich arbeiten? (Dort kann ich mich ja auch wiederum weiterbilden) Mache ich ein Trainee-Programm? Etc.

Das Ganze würde hier vermutlich den Rahmen sprengen. Ich möchte nur noch eine neue Methode erwähnen, die ich mir dieses Mal anschauen werde und zu der es auch noch einen Beitrag geben wird: Life Design. Bei dieser Methode macht man sich das Design Thinking aus dem Silicon Valley für seine Lebensentscheidungen zu Nutze. Ich will jetzt etwas kreativer und tiefgründiger der Fragen nachgehen, was ich eigentlich will. Nicht nur auf meinem Karriereweg, sondern für mein weiteres Leben. Dadurch, dass ich recht spät damit angefangen habe, erwachsen zu werden, scheint mir jetzt gerade der richtige Zeitpunkt dafür ein paar Dinge tiefer zu hinterfragen. Wer aber mit dem Erwachsenwerden schon früher gestartet ist, kann natürlich auch vor dem Erststudium hinterfragen, wie er will. Viel Spaß!

Nachtrag (Ja, noch vor Veröffentlichung!)

In meiner erneuten Orientierung für nach dem Bachelor bin ich jetzt auf eine weitere Seite der Bundesagentur für Arbeit aufmerksam geworden: Berufenet. Hier kann man sowohl durch Ausbildungs- wie Hochschulberufe, aber auch Studienfächer und sogar Weiterbildungsberufe stöbern. Unterschiedlichste Filteroptionen sind dabei möglich, sowie weiterführende Links zum Stellenmarkt oder Hochschulen. Zugegeben, das scheint erstmal sehr auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet, was ich eigentlich nicht so gut finde, aber ich werde dem Ganzen mal eine Chance geben.

Über die Autorin:

Anna Ente ist 23 Jahre alt und versucht gerade erwachsen zu werden. Wenn sie nicht ausgeglichen ist, schaut sie aus dem Fenster, in das Gesicht einer geliebten Person oder in ein Buch. Ihr Alltagslieblingstier ist nicht schwer zu erraten.

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