Gedanken über die Zukunft, die ich mir auf einem Spaziergang machte

Nach einer Sitzung mit meiner Seelendoktorin, in der es darum ging, dass ständiges Online-Sein sehr anstrengend für das Gehirn ist, weil ständig unkontrollierte Reize auf einen einströmen, und man sich deshalb regelmäßige internet-freie Zeiten schaffen sollte, schwebte mir ein dystopisches Horrorszenario vor: Was, wenn die Digitalisierung irgendwann solche Ausmaße annimmt, dass wir gar nicht mehr offline gehen können? Wenn unsere Autos von selbst fahren, Alexa unseren Tag plant und vielleicht sogar einen Chip im Kopf haben, der uns den Blick auf’s Handy erspart und stattdessen das gewünschte Bild direkt auf unsere Netzhaut projetziert, kann das Gehirn dann überhaupt noch abschalten? Kann es das überhaupt aushalten?

Unser Handy ist das Tor zu einem abstrakten Gebilde namens Internet, das sämtliches Wissen und unzählige praktische Funktionen enthält und uns damit zweifelsfrei das Leben auch erleichtert. Aber meistens zahlen wir einen Preis für diese kleinen Alltagserleichterungen, Unterhaltungsmöglichkeiten und Horizonterweiterungen: Wir geben unsere Daten und unsere wertvolle Zeit und Aufmerksamkeit, wenn wir Werbung oder ähnliche Inhalte ansehen, die wir eigentlich gar nicht sehen wollten. Instagram zeigt uns, was unsere Freunde in letzter Zeit so gekauft haben, Google schlägt interessante Artikel vor, über die Dein bisheriges Surfverhalten bereits verraten hat, dass du sie gut findest. Und so verbringen wir viel mehr Zeit auf Instagram, obwohl wir eigentlich nur kurz eine Story posten wollten, oder bleiben auf der Google-Startseite hängen, obwohl wir eigentlich etwas für unsere Hausarbeit recherchieren wollten.

Klar, Benachrichtigungen von Apps kann man ausschalten, Werbung auf Webseiten kann man blocken, aber für die kostenlose Nutzung mancher Dienste ist es unumgänglich, dass man sich Werbung anschaut oder auch einfach von vorgeschlagenen Beiträgen abgelenkt wird, die man nicht wirklich sehen will, deren YouTube-Thumbnail dann aber doch irgendetwas verspricht und einen zum Draufklicken bringt. (Mein ewiges Dilemma, wenn ich mir Yoga-Videos anschauen will und dann aber vorher noch eben das neue Video von XY vorgeschlagen bekomme) Online-Sein macht uns unglücklich. Vielleicht nicht jeden und auch nicht immer, aber zu oft dient es mehr als Ablenkung, als für alles andere.

Ich würde mir ja in der aktuellen Situation einfach einen digitalen Assistenten wünschen, der all die Informationen filtert und mir nur den Input gibt, den ich haben will und der mich weiter bringt und zwar genau dann, wenn ich ihn brauche. Wäre das nicht schön, wenn ich Alexa (oder Siri oder wem auch immer) einfach sagen könnte: Ich möchte Yoga für meinen Rücken machen. Dann zeigt sie mir das Video meiner Lieblings-YouTuberin, das auch noch genau die Partien anspricht, die mir gerade weh tun und mich nur so viel Zeit und Energie kostet, wie ich gerade aufbringen kann. Aber woher weiß Alexa das? Über meinen ganzen Daten, die sie dafür erstmal sammeln muss. Und das schreckt leider viele ab, warum ich es für unwahrscheinlich halte, das Alexa einmal soweit kommen wird.

Vielleicht ist das eine meiner kontroversesten Meinungen, aber ich finde es gut, wenn eine KI so viele Daten über mich sammelt wie möglich, damit sie mir dann im Anschluss das Leben erleichtert. Ich glaube, das tut das Internet ohnehin schon zur Genüge. Können Amazon, Google und Co. Nicht einfach mal einen gemeinsamen Datenpool anlegen und damit gemeinsam das Leben von uns Konsumenten verbessern? Ich will Werbung sehen, die mir weiterhilft und nicht von Seiten, auf denen ich ohnehin schon erfolglos nach einem Produkt gesucht habe. Ich will, dass Spotify die Musik spielt, die auch in meinen Lieblingsserien auf Netflix vorkommt. Und ich will das Essen auf dem neuen Instagram-Beitrag meiner Freundin direkt bei Lieferando bestellen können, aber bitte ohne tierische Produkte.

Stattdessen bekomme ich Werbung für unverpackte Spülmaschinentabs, weil ich mal #nachhaltig verwendet und mir ein paar Instagram-Beiträge dazu angesehen habe, obwohl ich das Produkt längst in meinem Unverpacktladen um die gekauft habe. Wenn ich programmieren könnte, würde ich selbst so einen Assistenten erstellen. Nur kaufen würde ihn vermutlich niemand, denn wenn ich jemandem offen kommuniziere, dass ich seine Daten sammle und womöglich noch um seine oder ihre Erlaubnis bitte, dann wird aus Misstrauen abgelehnt. Dann lieber weiterhin ungewollt Daten an die Big Player weitergeben, ohne es zu merken, und dafür vollgespamt werden mit unnötiger Werbung.

Aber eigentlich sollte die Technik doch dem Menschen dienen. Dafür wurde sie entwickelt. Was also läuft falsch? Die Technik entwickelt sich so schnell und unsere Gesellschaft und individuelle Psyche kommen nicht hinterher. Seit Beginn der Industrialisierung, nein eigentlich schon seit der Mensch analoge Vorgänge durch mechanische Technik ersetzt (ja, ich denke hier an Schusswaffen), geht es nicht mehr darum, was dem Menschen nützt oder ob die Innovation gesund für den Menschen ist, es geht nur darum das Alte immer wieder zu übertreffen, in Schnelligkeit, Effektivität oder Masse. Die Erfindung von Schusswaffen, Haarspray, Atomkraft, alles nützlich, alles schädlich. Ein Chip in unserem Kopf, der digitale Reize direkt an unser Gehirn sendet, um uns glücklich zu machen (?), reiht sich hier perfekt mit ein. Und das ist keine ferne Zukunftsmusik, Elon Musk und Facebook arbeiten bereits daran.

Aber es sind doch nicht alle Leute nur auf Verbesserung aus, oder? Ich bin doch nicht so, warum ist die Gesellschaft denn so? Ich glaube, die Ambitionierten, Lauten haben sich irgendwann einfach durchgesetzt, weil die anderen ihren Erfolg gesehen haben und sich ihnen entweder anschlossen oder von ihnen überrannt wurden, obwohl sie einfach nur für sich bleiben wollten (man siehe indigene Völker überall auf der Welt). Denn diese laute Art zu leben ist einnehmend, rücksichtslos, egoistisch und lässt keinen Platz für andere Lebensweisen. Und tatsächlich ist das Glück des Menschen ja auch davon abhängig, dass es Veränderung und Fortschritt gibt. Stillstand macht uns nicht glücklich. Aber wir können nicht immer weiter wachsen und erhöhte Effektivität allein macht auch nicht glücklich.

Am besten funktioniert eine Gesellschaft doch eigentlich, wenn jeder das tut, was er am besten kann, und so seinen Beitrag leistet. Das ist es doch, wonach wir alle unser Leben lang streben, nach der Erfüllung, nach unserem wahren selbst. Das kann es aber nicht geben, wenn alles vereinheitlicht wird, kein Platz mehr für Individualität bleibt. Um also nochmal auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Die riesige Chance unseres technischen Fortschritts ist es doch, dass er uns Menschen das Leben erleichtert. Aber um der Technik das beizubringen, braucht sie Feedback. Die KI muss anhand vieler Beispiele lernen, was uns glücklich macht. Wenn wir also blind jeden Mist kaufen, der uns in der Werbung vorgeschlagen wird, dann signalisieren wir indirekt unser Wohlwollen oder zumindest unsere Akzeptanz.

Am Ende kann ich also nur sagen, es liegt auch an uns. Wohlgemerkt: AUCH. Amazon Prime ist nicht allein dafür verantwortlich, dass wir so viel im Internet bestellen. Waffenhersteller sind nicht allein dafür verantwortlich, dass Menschen sterben. Und der YouTube-Algorithmus ist eben nicht allein daran schuld, dass ich kein Yoga mache. Aber auch. Meine utopische Vorstellung vom digitalen Assistenten, der meine Reizzufuhr regelt, kann also nur wahr werden, wenn wir denen da oben endlich mal signalisieren, was wir eigentlich wollen. Wir müssen unseren Arsch hochkriegen und uns zusammenreißen.

Auch wenn es manchmal hilfreich sein kann, auf andere zu schauen, sich durch sie inspirieren zu lassen oder motivieren zu lassen, muss man am Ende das Tages doch auf sich selbst schauen. Denn Glück ist nicht das, was andere haben, es ist das wohlige Gefühl in uns selbst. Und wenn wir in uns selbst ruhen und die Ablenkung durch kopflosen Konsum nicht mehr brauchen, dann können wir vielleicht sogar auf den digitalen Assistenten verzichten, weil die ganzen Ablenkungen gar keine mehr sind. Und meine wilde These ist: Dann wird auch die Gesellschaft eine bessere. Du musst bei Dir selbst sein, um bei der Gesellschaft zu sein.

Fin.


Und eeeein Gedanke noch, bevor Du gehst:

Warum klingt es eigentlich immer so weird, wenn man über seine Probleme oder Achtsamkeit redet? Eigentlich nur, weil wir mal gelernt haben, dass das weird ist, Hippies und Esotheriker:innen machen das. Aber es ist doch ok, sprituell zu sein und gleichzeitig an die Wissenschaft zu glauben. Allerdings haben die Menschen Angst oder verurteilen andere dafür, weil sie nicht bei sich selbst sind. Ich sage es Euch: Wenn wir unsere Gedanken und Ängste als das erkennen und akzeptieren, was sie sind, um sie dann weiterziehen zu lassen, dann können wir das gleiche auch mit nerviger Werbung tun.

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